Direkt zum Hauptbereich

LATE



Ich stelle gegenüber einen Auszug aus dem langen Gedicht Late von Michael Hamburger den nicht verwendeten Fotos für den Post DIE KUNST IST EIN MITTEL FÜR EINE ANDERE KUNST (stimmgang.blogspot.com/2020/05/), also ein inniges Naturerlebnis den Makro-Abstraktionen der überwiegend menschengemachten Dingwelt - immerhin sitzt auf dem ersten Foto noch eine Fliege oder kleiner Schuster. Der gleichnamige zweisprachige Band besteht ausschließlich aus diesem Gedicht. Leider ist der deutsche Titel eher ein Fehlgriff: Das Überleben der Erde.
Das Original ist also in englischer Sprache verfasst, obwohl Michael Hamburger aus Deutschland stammt. Er lebte aber den Großteil seines Lebens in England. Von denen, die ich kenne, ist er für mich einer der größten Lyriker der Nachkriegszeit und hat unter anderem auch einen Gedichtband herausgegeben, in dem jedes Gedicht einem anderen Baum gewidmet ist und ihn portraitiert. Eins dieser Gedichte habe ich mal vor längerem in eine Komposition für Saxophon eingebaut.
(stimmgang.blogspot.com/2013/02/)



 



Towards nightfall
Outlines shift.
Colours turn,
By faintness lessened,
By faintness deepened.






Before full silence
No sound is the same
As when recurrence,
Mutation moved it
Though towards silence
Each was impelled.



 



So near extinction
Cock-crow when day breaks,
Audible still, 
Differently comes,
To one who hardly can hear
Smaller birds warble, chirp, 
Who, listening to music, 
Audible still, 
Doubts that the tones heard
Are the tones played, 
The tones intended.






Bei Einbruch der Nacht 
Entrücken Konturen.
Farben sind anders, 
Durch Auflösung weniger, 
Durch Auflösung tiefer geworden.





Tief in der Stille 
Gleicht kein Ton dem
Den Wiederholung antrieb, 
Wenn auch zur Stille
Es alle zog.




So nah der Vernichtung
Erreicht zu Tagesanbruch der Hahnschrei,
Noch immer vernehmbar, 
Anders den
Der kaum hört mehr
Kleinere Vögel trillern, zwitschern
Der, lauscht er Musik, 
Noch immer vernehmbar,
Nicht weiß, ob die zu hörenden
die gespielten Töne auch sind,
die erstrebten Töne.


 


Die Gegenüberstellung möchte funktionieren entsprechend dem Diktum von Hui-neng, dem 6. Patriarchen des Chan-Buddhismus (7. Jh.), auch bekannt als der analphabetische Holzfäller:

Oneness is good, dualism is not good. The essential Buddha-nature is neither good nor not good; that is called nonduality.

Einssein ist gut, Dualität ist nicht gut. Die ursprüngliche Buddhanatur ist weder gut noch nicht-gut; das nennt man Nicht-Dualität.


Kommentare sind wie immer willkommen. 

now@stefan-hardt.com





Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

VEILS OF SKY

   Veils of the sky: clouds.    Mainly clouds  ☁️,  some in black and  white.   Schleier des Himmels: Wolken.    Hauptsächlich Wolken  ☁️,  einige in Schwarzweiß.  Die Wolken, wie ja die Natur insgesamt, bietet das gesamte Ausdrucksspektrum an, gratis. Hier in Milina einige Monate den Himmel zu beobachten gleicht einer epischen Tour durch die Kunstgeschichte. Es gibt expressive Wolkentürme, die reichhaltige Symbolik des Unwetters, Intelligenztests wie auf den Faltbildern von Rorschach, die kontinuierliche, auch farb-lich immer zarter werdende Bewegung hin zur Abstraktion, d.h. bis zum reinen Blau, das sich ja in Zukunft durch unser Einwirken durchaus in eine andere Farbe wandeln könnte usw..  The clouds, like nature as a whole, offer the entire spectrum of expression, free of charge. Observing the sky here in Milina for a few months equals an epic tour through art history. There are expressive towers of cloud, the ...

ARCADIA REMIX

Die Fotos, die man hier, in Milina, zwischen Thessaloniki und Athen, in der Region Pilion, ohne großen Aufwand machen kann, zeugen partiell von Zerstörung, Zerfall, Vernachlässi-gung, aber auch davon, Dinge sein zu lassen, bis sie eben zerfallen oder sich auflösen.  Der größte Teil der Zerstörung und ein geringerer des Zerfalls sind naturgegeben, die Vernachlässigung hingegen beruht auf dem konservativen Geist, gemischt mit freundlich-anarchischem laissez-faire.  The photos you can take here, in Milina, between Thessaloniki and Athens, in the region called Pelion, without great effort, partially witness destruction, decay, neglect but also to let things be till they just disintegrate or dissolve.  The greatest part of destruction and a lesser one of decay are natural, whereas neglect is based on the conservative spirit, mixed with friendly-anarchistic laissez faire.   Arcadia Remix : Dabei geht es keineswegs um eine möglichst objektive Bestandsaufnahme der Situatio...

DER MÄANDER III

  No matter how hard we try to put the most important things into words, it is always like toe-dancing in clogs.                Sigrid Nunez Eine wirklich große Essayistin ist Joan Didion - em-pfehlenswert ist übrigens eine relativ neue Dokumentation über sie,  Die Mitte wird nicht halten , auf Netflix, von ihrem Neffen, dem Schauspieler Griffin Dunne , den Ihr sicher aus Filmen kennt -.  Sie war eine große Stilistin. Ich hoffe, das läßt sich mit einiger Berechtigung sagen, auch wenn man noch gar nicht all ihre Bücher gelesen hat - im Übrigen, welch eine Freude!.  Es besteht allerdings die Gefahr, dass einem das Gesagte bzw. das Geschriebene - allerdings klingt es oft, vor dem inneren Ohr, obwohl extrem komplex, wie gesagt - wieder entschlüpft, entwischt. Es ist schwer, den Inhalt dieser Sätze festzuhalten. Ihre Prosa ist so musikalisch, dass sie wie Musik im Tun...